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Herausgefordert lebt es sich mit höherem Entwicklungspotenzial

Schon wieder ein Hüther gelesen. Mit einem Ausblick, denn man bei einem Neurobiologen nicht so erwartet. Na ja, das Buch ist nicht für die Wissenschaft geschrieben, sondern für mich und Dich. Schön erklärt wie sich in der Entwicklung des Individuums aus den ursprünglichsten Bedürfnissen nach Nähe und Geborgen, deren Erfüllung und Nichterfüllung wesentliche Gefühle bilden.

Als Zitat wird hier das komplette Abschlusskapitel gebracht. Als Anreiz, sich das ganze Buch zu kaufen. Ist doch klar.

Viele Herausforderungen geben Gelegenheiten, besser Notwendigkeiten. Wir haben die Ressourcen, wir sind so angelegt auch dies zu meistern.

Erst hier, an diesem Wendepunkt, wo die Zukunft
 den Platz der Gegenwart einnehmen soll, müssen 
die Feststellungen der Wissenschaft der Vorwegnahme durch den Glauben weichen; hier kann unsere Ratlosigkeit beginnen, und hier ist sie im
Recht. 
 Was hinter der modernen Unruhe sich herausbildet und heranwächst, ist nichts Geringeres als eine organische Krise der Evolution.

Pierre Teilhard de Chardin


 

Ausblick und Abschied

Ich arbeite nun schon seit vielen Jahren als Hirnforscher, und noch immer bereitet mir die Arbeit im Labor sehr viel Freude, aber ich glaube, Sie wissen jetzt, weshalb ich ab und zu ebenso gern hier oben auf meinem Hügel bin. 
 Hier kommt man nicht auf die Idee, jeden Stein umdrehen zu müssen, um zu verstehen, wie Wege und
Straßen entstehen und vergehen. Man ist hier hoch genug, um zu schauen, aber nicht so hoch, dass man die
Übersicht verliert. 
Von hier aus kann man sie genau beobachten, die
 begeisterten Hochflieger und Tiefbohrer, die notorischen Besserwisser, die sich ständig zu Wort melden, 
 nur um sich immer Wieder zu bestätigen, wie wichtig 
sie sind. Sie werden über unser langweiliges Plätzchen 
hier oben nur müde lächeln und fortfahren, Fragen zu
 beantworten, die keiner gestellt hat, und Dinge zu tun, 
 die nur von ihnen getan werden können. Sie werden noch einige Zeit damit verbringen, die
 Räder eines immer unsinniger werden den Uhrwerks in 
Gang zu halten. Das einzige, was sie dabei bewegen, 
 sind die Zeiger, die ihnen deutlich machen, dass die 
Zeit, ihre Zeit, vergeht. Je älter sie werden, um so lauter werden sie sich fragen, wie sie eigentlich in dieses
 Räderwerk gelangt sind. Manche finden einen Ausweg, 
andere machen nicht mehr richtig mit. So wird die Last 
für diejenigen, die noch mit der alten Begeisterung an 
den alten Rädern drehen, immer schwerer, bis auch sie
 die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen erkennen und
 feststellen, dass sich die Angst nur eine Zeitlang dadurch besiegen lässt, dass man immer schneller an immer größeren Rädern eines vorgefundenen Getriebes 
dreht. Wer ein Programm hat, das nicht geeignet ist, 
 die Angst kontrollierbar zu machen, ist verloren. Das
 ist das uralte biologische Gesetz, an dem bereits die 
Saurier gescheitert sind. 
 Aber Sie, nachdem wir zusammen hier oben auf diesem Hügel waren, was ist mit Ihnen? Haben wir von
hier etwas anderes gesehen als das, was sie selbst schon 
immer gefühlt und gewusst haben? 
Ich glaube das nicht, denn es war ja eigentlich nichts 
anderes als das, was wir tagtäglich erleben. Alles um
 uns, was lebendig ist und in seiner Harmonie gestört
 wird, versucht mit allen ihm zur Verfügung stehenden 
Mitteln, die verlorengegangene Harmonie wiederzufinden, zunächst die alte, und wenn das nicht geht, eben 
eine neue. Deshalb kann alles, was lebt, nie so bleiben, 
wie es ist. Dies gilt für jede einzelne Zelle, das gilt für 
jeden von uns, und das gilt natürlich auch für jede Gesellschaft. Eine Zelle kann sich nur verändern, indem 
sie die Art des Zusammenwirkens ihrer Teile verändert. 
 Wir können uns nur verändern, indem wir die Art des
 Zusammenwirkens derjenigen Zellen verändern, die
 unser Verhalten bestimmen. Und eine Gesellschaft
 kann sich nur verändern, wenn sich diejenigen verändern, die diese Gesellschaft so machen, wie sie ist. 
 Das klingt alles sehr banal und doch tun wir uns so 
schwer damit. Zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen haben Menschen eine Antwort auf die Frage gesucht, warum sie selbst, warum andere Menschen, warum die Welt, in die sie hineingeboren wurden, so 
ist, wie sie ist. Was ihnen anfangs noch als gottgegebene Ordnung erschien, wurde mit zunehmender Kenntnis der Zusammenhänge und Wechselbeziehungen
 zwischen den für sie sichtbaren Strukturen der Natur 
und Gesellschaft erst in kleinen, später in immer größer werdenden Schritten erklärbar. Sie suchten nach 
Lösungen für die Probleme der Welt, in der sie sich 
täglich bewegten und die sie kennen mussten, um möglichst gefahrlos und unbehindert ihre Bedürfnisse zu 
befriedigen, Handel zu treiben, Ressourcen zu erschließen und sich vor Angriffen zu schützen. Einzelne Wissenschaftsdisziplinen wurden entwickelt, um immer
 tiefer in die Zusammenhänge zunächst der physikalischen, später der chemischen und atomaren und 
schließlich auch der lebendigen Welt einzudringen und
 die dort entdeckten Phänomene nutzbar zu machen. 
 Die Triebfeder all dieser Anstrengungen war die Angst, 
 und das Ziel all dieser Bemühungen war Sicherheit. 
 Die geeignetste Strategie, der effektivste Weg zum Erreichen dieser Sicherheit, so schien es für lange Zeit, 
 war die Schaffung materieller und geistiger Unabhängigkeit, also die Aneignung von Macht und Wissen. 
 Wir sind noch immer auf diesem Weg, der von unseren Vorfahren so erfolgreich eingeschlagen worden 
ist. Die Signale, die uns aus der Gesellschaft und aus
 unserem Körper inzwischen erreichen, sagen uns jedoch immer eindringlicher, dass dieser Weg eine Sackgasse zu sein scheint. Er führt nicht dorthin, wo mehr
 Sicherheit und weniger Angst zu finden sind. Die individuelle oder kollektive Anhäufung von Wissen und 
Macht, die so lange geeignet schien, die Angst und die
 damit einhergehende Stressreaktion kontrollierbar zu
machen, ist inzwischen selbst zu einer Bedrohung geworden. Sie hat zwangsläufig andere zurückgelassen, 
 die weniger Macht haben, die ärmer sind und weniger
 wissen. Getrieben von der Angst und auf der Suche nach mehr Sicherheit folgen diese Menschen, wie ein 
kleiner Junge seinem scheinbar allmächtigem Vater, 
 dem so hell beleuchteten Pfad der Erfolgreichen, der
 Mächtigen, der materiell Unabhängigen auf dieser 
Welt. Als Einzelne, als Gruppen oder als ganze Gesellschaften nehmen sie, was sie bekommen können, und
 zwar von dort, wo es zu holen ist und mit allen Mitteln, 
die ihnen zur Verfügung stehen. 
 So wächst die Angst derer, die nun erleben müssen, 
 wie ihre so mühevoll zusammengenähte Decke aus 
Wohlstand und Macht immer dünner und löchriger zu
 werden beginnt. Zuerst irritiert, dann beunruhigt und
 schließlich ernsthaft beängstigt machen sie verschiedene Versuche, das Problem mit den bisher erfolgreichen Strategien zu bewältigen. Ihre Macht reicht nicht
 aus, um die alte Ordnung wieder herzustellen, ihren
 Reichtum können sie nicht opfern, und ihr ganzes angehäuftes Wissen darüber, wie man Macht und Reichtum erlangt, stellt sich als völlig nutzlos heraus, um
 diese Art von Bedrohung abzuwenden. Die Situation
beginnt ausweglos zu werden, eine unkontrollierbare 
Stressreaktion ist unabwendbar. Sie erfasst zunächst die
 schwächeren Glieder der sogenannten Wohlstandsgesellschaft, die Kranken, die Alten, die Kinderreichen, 
die Empfindlicheren, die weniger Mächtigen und weniger Reichen, die Arbeitslosen, Zugewanderten und
 Rechtlosen. Bei denen, die noch Kraft haben, führt die
 wachsende Angst zu steigender Gewaltbereitschaft, 
bei den anderen zu Resignation, Krankheit und Zerfall. 
 Das alles wussten oder ahnten Sie ebenfalls schon seit 
langem und können es sich, wenn es sein muss, täglich
 durch die Nachrichten oder die Zeitungen bestätigen 
lassen. Was sie aber vielleicht nicht wussten, und was
 ich auf diesen wenigen Seiten von meiner Hügelperspektive deutlich zu machen versucht habe, ist etwas, 
 was auch ich bis vor wenigen Jahren nicht zu denken
 gewagt hätte. Dass es nämlich irgendwann einmal möglich werden würde, so große Bereiche des Wirrwarrs im 
Fühlen und Denken einzelner Menschen und damit
 auch so viele Ungereimtheiten und Widersprüche im
 Denken, Fühlen und Handeln großer Gruppen von Menschen auf einen biologischen Mechanismus zurückzuführen. Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, 
 dass bei dem Versuch, die Ursachen, die Mechanismen
 und die Konsequenzen der neuroendokrinen Stressreaktion bis in das letzte Detail, bis hinunter auf die Ebene
 der molekularen Sequenzen und Interaktionen zu studieren und zu analysieren, irgendwann einmal so viel Information zusammengetragen werden würde, dass 
sich daraus, wie bei einem Puzzle, ein Bild zusammenfügen lässt. Ich hätte auch nicht geglaubt, dass dieses Bild 
am Ende so bestechend einfach aussehen würde, dass
 man es jedem Menschen, der verstehen möchte, auf
wenigen Seiten nachzeichnen kann. 
Und wie sehr sich dieses Bild von all dem unterscheidet, was uns bisher über die negativen Auswirkungen
von Angst und Streß einzureden versucht wurde! Wir
brauchen immer neue Herausforderungen und die damit einhergehenden kontrollierbaren Stressreaktionen, 
 um uns immer besser an die vielfältigen Erfordernisse
 unserer Lebenswelt anpassen zu können. Wenn wir 
dann, vom Erfolg unserer Bemühungen in einzelnen
 Bereichen geblendet, starr und unachtsam zu werden
 beginnen, uns selbst überschätzen und uns einbilden, 
alles sei von uns kontrollierbar und beherrschbar, so 
brauchen wir ebenso dieses anhaltende Gefühl von
 Angst, Verzweiflung und Ohnmacht und die damit einhergehende unkontrollierbare Stressreaktion mit ihren
 destabilisierenden Einflüssen auf die in unserem Gehirn angelegten Verschaltungsmuster. Wie sonst könnte es uns gelingen, aus den bisherigen Bahnen unseres
 Denkens, Fühlens und Handelns auszubrechen und
 nach neuen, geeigneteren Wegen zu suchen? Wir haben
 die Stressreaktion nicht deshalb, damit wir krank werden, sondern damit wir uns ändern können. Krank Werden wir erst dann, wenn wir die Chancen, die sie uns
bietet, nicht nutzen. Wenn wir die Herausforderungen, 
die das Leben bietet, vermeiden, ebenso, wie wenn wir
immer wieder nur ganz bestimmte Herausforderungen
suchen. Wenn wir uns Weigern, die Angst zuzulassen
und unsere Ohnmacht einzugestehen ebenso, Wie
wenn wir unfähig sind, nach neuen Wegen zu suchen, 
um sie überwindbar zu machen. Auch das gilt für jeden
einzelnen ebenso wie für die Gemeinschaften oder Gesellschaften, die sie alle zusammen bilden. 
Vor Jahren habe ich das Zitat eines Philosophen aus
 der Renaissance-Zeit gefunden, das mir seitdem nicht
 mehr aus dem Sinn gegangen ist: ››Naturae enim non
imperatur, nisi parendo« (››Denn der Natur wird nicht
befohlen, außer indem man ihr gehorcht«, Bacon, Novum Organum). Erst jetzt beginne ich zu begreifen, was
 dieser Satz bedeutet: Erst wenn es uns gelingt, zu erkennen, durch welche Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien
 die Entwicklung lebender Systeme bestimmt wird, erst
 dann, wenn wir begreifen, weshalb bestimmte Prozesse 
in bestimmte Richtungen gelenkt werden, haben wir
 die Möglichkeit, diese Entwicklungsrichtungen auch 
gezielt zu beeinflussen und korrigierend in absehbare 
Fehlentwicklungen einzugreifen. Erst wenn wir verstehen, Weshalb und Wovor Menschen Angst haben und 
Was mit ihnen dann passiert, können wir nach geeigneten Auswegen suchen. Wir müssen nicht mehr wie
unwissende Kinder den von den Eltern eingeschlagenen
und von deren Eltern vorgezeichneten Wegen in ausweglose Sackgassen folgen. Wir müssen auch nicht
 mehr wie Blinde auf die von allen Seiten auf uns herabrieselnden Ratschläge, Warnungen und gut gemeinten
 Hinweise derjenigen hören, die glauben, ganz besonders
 gut sehen zu können, Weil sie dicke Brillen tragen. Wir
 können prüfen, ob die Richtung stimmt, in die sie uns 
zu lenken versuchen. Weil wir Wissen, dass die Angst, dass kontrollierbare Herausforderungen und unkontrollierbare Belastung die Wege unseres Denkens und Fühlens bestimmen werden, können wir uns fragen, ob ihr 
Rat mit dem vereinbar ist, was wir wollen und ob ihr
 Rat uns deshalb auf einen Weg führen kann, der nicht
 zwangsläufig wieder als Sackgasse enden muss. 
Was, so mögen Sie nun noch fragen, nützt uns all das 
schöne Wissen. Die Entwicklungen so vieler einzelner
 Menschen und deshalb auch der Gesellschaften, die sie 
bilden, sind inzwischen so fehlgerichtet, dass jeder Versuch einer Kursänderung unabsehbare Folgen hätte. Ist
 das wirklich so? Die Menschen vor uns haben unendlich viel Zeit damit verbracht, ihre Waffen zu schärfen, 
Reichtum, Macht und Wissen anzuhäufen. Dabei sind
 zwangsläufig immer komplexere und immer stärker
 vernetzte gesellschaftliche Beziehungen entstanden. 
 Solche Systeme brechen nicht plötzlich wie ein Kartenhaus zusammen. Sie lassen sich ganz allmählich
und sehr gezielt verändern, indem immer mehr Menschen an all den Stellen, wo ein solches System bedrohlich starr zu werden beginnt, zur Seite treten und einfach einen anderen Weg einschlagen. Vielleicht ist es
 das, was Julian Huxley mit seiner Bemerkung meinte, 
››der Mensch (sei) nichts anderes, als die zum Bewusst
sein ihrer Selbst gelangte Evolution«. 
 Hier und dort beginnt einer, eine Melodie zu summen, die von allen anderen und über alle Gräben hinweg wiedererkannt wird. Es ist ein uraltes Lied, das von 
Einzelnen immer wieder einmal gesungen wurde, solange es Menschen auf dieser Erde gibt. Es ist das Lied
 von der Befreiung unseres Denkens, Fühlens und Handelns aus den Fesseln der Angst. 
 Ich glaube, es ist Zeit, dass wir von unserem Hügel
 herunterkommen. Ich wünsche Ihnen Umsicht und
 Zuversicht auf all Ihren Wegen.

Leben Sie wohl!

 

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